reflections

Ein Mädchen weint hier nicht?

Ich bin ein Mädchen. Okay, das bin ich.
Aber ich bin keins von dieser Sorte, die wegen jeden kleinen Mist anfangen zu heulen wie ein wildgewordener Schlosshund, dem auf den Schwanz getreten wurde.
Ich bin auch kein maskulines Mädchen. Ich kann heulen wie ein Kind, ja, wenn es um wichtige Sachen geht, wie zum Beispiel als mein Lieblingsopa starb oder meine erste große Liebe mit mir Schluss gemacht hat, um auf seinem Abiball mit irgendeiner seinen Spaß zu haben.
Aber es gibt diese Wesen, die bei jeder Kleinigkeit anfangen, zu weinen, nicht weil etwas Schlimmes passiert ist, oh nein.
Diesen Kreaturen geht es nur darum, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Das kann unbewusst sein, meistens ist es aber nur die Eifersucht, die ihnen ins Auge piekst, wenn sie sehen, dass sie niemand beachtet, niemand ihren neuen Lidschatten bewundert, sondern vielleicht ein vernünftiges Gespräch mit ihrer besten Freundin anfängt.
Beste Freundin. Zu dem Zeitpunkt ist die Freundschaft schon aus. Vorbei. Finito Ende Feierabend.
Klappe zu, Freundin tot.
Dann springt der Schalter um. Wenn es um etwas geht, das diese Mädchen minderwertiger machen könnte als andere, sehen sie rot.

Sie könnten ja jemanden verprügeln oder ähnliches, aber dann würden ja die neuen Klamotten kaputt gehen. Das geht ja nicht.
Auf jedenfall ist in diesem Moment Holland in Not.
Der Schalter ist umgesprungen auf Wut. Dann springt er wieder. Das Selbstbewusstsein rutscht in die Hose. Der Kopf wird dick und droht zu platzen. Alles verschwimmt. Das Gesicht gerötet.
Eine einzige Träne schleicht langsam über ihr Gesicht, mit der Hoffnung, dass jemand dieses einsame Tränchen wahrnimmt.
Wenn dies nicht passiert, rollt schon die nächste.
Wenn es dann jemand sieht, fragt er natürlich, was los sei.
Das fragt er nicht unbedingt, weil er nicht will, dass sie weint, wahrscheinlich eher aus reiner Neugier, damit man am nächsten Tag was zu erzählen hat.
Als nächstes folgt dann ein Wasserfall von vielen vielen kleine Tränchen sie sich zu großen Tränchen zusammensetzen und das sieht wirklich sehr schrecklich aus. Jemand versucht, ein Taschentuch zu reichen, das wird mit einem halben Lächeln angenommen, um ein kleines Tränchen abzutupfen, damit bloß nicht zu viele verschwendet werden. Sie sollen doch gesehen werden.

Aber das Ziel ist schon erreicht. Das Böse hat gewonnen, die ehemalige Freundin aus dem Weg geschafft, mit Hinterlist und Tränchen quetschen.

Es gibt aber auch ganz simple Fälle: Ein Mädchen sitzt in einer Chorprobe, rennt auf einmal wie von der Tarantel gestochen raus, telefoniert wahnsinnig laut vor der Tür, rennt wieder rein, setzt sich hin, denkt nicht einmal daran wieder den Mund aufzumachen und zu singen, fängt auf einmal an klaghaft an zu schluchzen, aus dem Schluchzen wird ein Sturzbach aus Tränen,10 Packungen Taschentücher werden aus dem Rucksack geschleudert, mit einem RATSCH aufgerissen, laut hineingeschnaubt, unter den Stuhl geschmissen bzw noch auf dem T-Shirt verschmiert, es wird kläglich in die Runde geguckt, die Augen schnell wieder zugemacht, laut aufgeschluchzt, angefangen zu zittern wie ein Laubbaum im Herbst, wieder geguckt wie ein Hund, der geschlagen wurde, die Nase noch mal ordentlich hochgezogen, die Ellenbogen auf die Knie gestützt, mit dem Kopf in den Händen laut geweint und rennt wieder raus. Der halbe Chor hinterher.

Der Chorleiter bricht die Probe ab.
Draußen wird gefragt, was denn los war, man rechnet mit einem Tod in der Familie, einer Fehlgeburt der Schwester, einem Unfall des Verlobten.
Doch auf die Frage, warum sie so angefangen hat zu heulen wie ein Werwolf kommt die Antwort unter unaufhölichem Schluchzen und fast unverständlich:
" Ich darf heute Abend nicht auf die Party!!"

10.10.08 19:44, kommentieren

Versuch zu fliegen

Ein Versuch zu fliegen sieht bei jedem Menschen anders aus.
Bei mir heißt das, dass ich versuche, glücklich zu sein, mit dem was ich habe, wie zum Beispiel meinem Freund.
Es ist nicht immer leicht mit ihm, er denkt so anders und reagiert so anders auf Situationen als ich.
Und meine Eltern spielen auch nicht immer mit. Sie machen sich zu viele Sorgen, zu viele Gedanken um ihre süße, kleine Tochter, die doch gerade erst aus den Windeln raus ist und schon alleine fliegen will.
Aber so sind ELtern eben, da kann man nichts machen, die Liebe zu ihrem Kind lässt sie übertreiben. Vielleicht sehe nur ich das so, aber das ist meine persönliche Meinung.
Das Problem bei dem Ganzen ist, dass mein Freund Kurde ist. Er hat zwar einen deutschen Pass, aber eine andere Mentalität, ist anders aufgewachsen und hat andere Verhaltensweisen gelernt als ich.

Meine Eltern haben so viele schlechte Beispiele kennengelernt, dass es schwer für sie ist, ihn zu akzeptieren, besonders meine Mutter.
Ich bin schließlich ihr einziges Kind, die einzige Tochter.
Aber wir sind jetzt schon so lange zusammen, da dreh ich schon mal öfter durch, wenn meine Mutter wieder solche Witze macht, wie " Und, hast du heute wieder Ausgehverbot gekriegt weil du mit einem Jungen telefoniert hast?"
Sie weiß doch genau, dass das nicht stimmt, aber irgendwie kann sie ihre Gefühle über die Situation nicht anders zum Ausdruck bringen...

Und dann das Thema Schule. Das Grauen. Schon wenn im Fernsehen bei uns zu Hause das das Wort Schule und gesagt wird, wird die Luft automatisch dicker, weil einem von den beiden immer etwas einfällt wie
"Du hast heute schonwieder so wenig für die Schule gemacht" oder
" Wenn du dein Abitur schaffen willst, solltest du mal mehr lernen, anstatt immer mit diesem Jungen rumzuknutschen."
Dabei mache ich nicht weniger für die Schule als vorher.
Sie übertreiben maßlos und deshalb ist das Klima zu Hause nicht mehr so pralle.

Und zu meinem Freund... auf ihn treffen viele Vorurteile gegenüber Ausländern zu, das muss ich leider zugeben.
Er legt sich gern mit Leuten an, schreit gern laut rum.
Und er ruft nicht immer an, wenn er es versprochen hat. Und ich warte dann. Und warte. Und warte. Und warte.
Und dann ruf ich ihn an. Und er geht nicht ran. Und am nächsten Tag ruft er an und entschuldigt sich total süß dafür, dass er so früh geschlafen hat. Und ich zerschmelze nur wenn ich ein einziges Wort von ihm höre, und wenn es "Nerv doch nicht" wäre.
Ich kann ihm einfach nicht böse sein. Das Feuer der Wut, das entfacht, wenn er sich wieder mal nicht meldet, und sich in meinem Kopf schon die Bilder einer schönen Frau an seiner Seite anbahnen, löst sich einfach in Luft auf, sobald ich seine Stimme höre oder ihn nur ansehe.
Aber warum schreibe ich soviel, wenn das hier doch " Versuch zu fliegen" heißt?
Ganz einfach: Das Alles ist ein Teil davon. Ein Teil meiner Geschichte, meiner Liebe, und die Schwierigkeiten damit, das ist der Versuch.
Ob er klappt, das weiß ich noch nicht. Aber ich werde es herausfinden.
Und dann werde ich meinen Schatz heiraten.
Und dann weiß ich, wie es ist, zu fliegen.

10.10.08 19:42, kommentieren



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